Archiv für die Kategorie „Gesellschaft und Politik“

Web 2.0-Doppelleben – oder: Wasch mich, aber mach mich nicht nass

Samstag, 15. Mai 2010

Ich behaupte: Jeder von uns hat die eine oder andere Leiche im Keller. In meinem Fall: Ich war eine Zeitlang recht aktiv in einer Web 2.0 Community, genauer gesagt: auf YouTube, aber kaum jemand aus meinem realen Umfeld wusste davon. So wünschen es sich viele Web 2.0er – aber warum eigentlich?

(Would you rather like to read this article in English? Please click here …)

Fangen wir vorne an: Wie kommt man überhaupt dazu, sich im Web 2.0 einbringen zu wollen? Nun, vermutlich legt man irgendwann ein YouTube-Konto an, um einen Kommentar unter einem angeschauten Video hinterlassen zu können. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat YouTube den Status des bloßen “Funniest Home Video”-Spaßlieferanten verlassen – vielmehr hat man ein interessantes Video mit “echtem Inhalt” gesehen, dessen Autor man eine persönliche Rückmeldung hinterlassen möchte.

Und wenig später grinst einen die im Laptop-Deckel integrierte Webcam verlockend an – der Reiz des Möglichen ist geweckt: Wie wäre es, einen Kommentar nicht in Text-, sondern ebenfalls in Videoform zu platzieren? Denn: Wenn so viele andere die Trivialitäten oder Ärgernisse ihres Alltags vor laufender Kamera in Worte fassen können, dann kann es doch nicht so schwer sein, das auch zu machen.

Der Vorgang gleicht einer Mutprobe, die man vor sich selbst zu bestehen sucht. Nachdem die technischen Schwierigkeiten gemeistert sind, hat man unversehens sein erstes Video gepostet – ein Videolog, kurz “Vlog”. Sagenhaft: 35 Views – 10 davon vermutlich eigene ungläubige “Hey, ich bin im Internet!”-Testaufrufe.
Ende der Geschichte – oder nicht? Nein, ganz im Gegenteil.

Denn: Wer waren eigentlich die anderen 25 Leute, die das Video gesehen und teilweise sogar kommentiert haben? Also folgt man interessiert den Textkommentaren zu deren Autoren und wiederum zu deren Videos – und schon beginnt die dem Web 2.0 innewohnende, unvermeidliche Clübchenbildung: Man diskutiert miteinander, schickt sich wechselweise weitere Videoantworten – und ein Augenzwinkern später ist man mittendrin in einem vollkommen neuen, virtuellen Freundeskreis von Leuten, die öffentlich über das Internet mit kurzen Videoclips miteinander kommunizieren.

Nun aber Ende der Geschichte – oder? Keinesfalls.

Irgendwann wird es unausweichlich, sich seiner Lebenspartnerin anzuvertrauen. Denn es wäre für beide Beteiligten sicher ein mehr oder minder traumatisches Erlebnis, wenn sie ihn unverhofft beim Videodreh ertappen würde. Allerdings offenbart sich hier die noch größere Mutprobe: Was wird die bessere Hälfte wohl sagen, wenn man ihr offenbart, dass man auf YouTube einen Haufen neue virtuelle Freunde gefunden hat, und dass man darüber hinaus noch sein eigenes Gesicht in Bild und Ton eben dort veröffentlicht? Glück gehabt: Zweifelndes Erstaunen weicht weitgehender Gleichgültigkeit – mit tolerierbarem Anteil von Sorge um die Privatsphäre.

In dieser Phase führt das Web 2.0-Mitglied bereits ein Doppelleben. Die Beichte der Gattin gegenüber war bereits ein schwieriges Coming-Out. Aber der Rest der Bekannten und Verwandten weiß noch rein gar nichts davon – und schon gar nicht der Arbeitgeber und die lieben Kollegen. Sicherlich, man macht ja nun wirklich nichts Verbotenes, aber trotzdem … Was dächten all diese Leute wohl, wenn sie wüssten, dass das neue Hobby damit zu tun hat, locker-flockig Meinungen zu beliebigen Themen vermeintlich anonym im Internet zu veröffentlichen?

“Anonym” ist hier das entscheidende Stichwort: Man wähnt sich in Anonymität. Aber im Vergleich zu einem schlichten Textblog wie diesem birgt die televisuelle Ansprache mit Gestik, Mimik, Versprechern, Kunstpausen usw. eine vollkommen andere Medienpräsenz. Selbst hart gesottenen “Look at me!”-Zeitgenossen wird es evtl. ein bisschen flau im Magen angesichts der Vorstellung, unvermittelt “gespotted” zu werden – sprich: von einem Bekannten des realen Lebens begrüßt zu werden mit den Worten: “Hey, ich habe Dein Video auf YouTube gesehen!”

Und so verstrickt man sich immer tiefer in seine selbsterwählte Schizophrenie: Auf der einen Seite die realen Bekannten und Verwandten, auf der anderen Seite das ständig wachsende Web 2.0-Umfeld. Die virtuelle Existenz dreht sich um immer größere Zahlen von Subscribern, Views und Friends – man dürstet nach immer mehr Web 2.0-Öffentlichkeit. Doch zugleich will man seinem realen Leben gegenüber die Anonymität wahren. Klarer gesagt verfährt man nach dem Motto: “Wasch mich, aber mach mich nicht nass.” Demzufolge wächst tagtäglich das Risiko, dass die beiden Realitäten sich im unpassendsten aller Momente zu nahe kommen könnten – mit völlig unvorhersehbaren Konsequenzen.

Die Lage ist verfahren. Entweder, man starrt weiter paralysiert wie das Kaninchen auf die Schlange – sprich: man wartet so lange, bis es irgendwann zur Katastrophe kommt. Oder, man beugt einem derart unfreiwilligen Outing durch ein eigenes umfassendes, öffentliches Coming Out vor. Aber will man wirklich, dass anschließend wer-weiß-wer in all den alten Veröffentlichungen stöbert und dabei völlig aus dem Zusammenhang gerissen eine jener vielleicht nicht ganz makellosen Videobotschaften zu Tage fördert, die man vor Jahr und Tag aus der Illusion der Anonymität heraus allzu jovial ins Netz gestellt hat?

Ich bin einen anderen Weg beschritten: Einen Reboot, wenn man so will. Ich habe mehr oder minder “von jetzt auf gleich” alle meine Web 2.0-Aktivitäten auf null reduziert. Mit etwas zeitlichem Abstand habe ich dann meine frühere, anonyme virtuelle Existenz zu Grabe getragen: Alle alten Beiträge von YouTube und anderen Portalen wurden nach Kräften entfernt, die damaligen Accounts wurden gelöscht. Anschließend habe ich gewartet, bis der Staub sich gesetzt hatte: Ich habe dem Web 2.0 hinreichend Zeit eingeräumt, mich bzw. mein früheres Alter Ego zu vergessen.

Nun beginnt mein neues virtuelles Leben – eines, das sich nicht mehr anonym vor dem realen Leben zu verstecken versucht. Auf Facebook beispielsweise stehe ich mit Reallife-Bekannten, Arbeitskollegen und einigen früheren Web 2.0-Buddies einhellig in Verbindung – die befürchtete Materie/Antimaterie-Explosion ist bislang ausgeblieben. Meine Web 2.0-Aktivitäten auf YouTube & Co. werden ab sofort nicht mehr pseudo-anonym stattfinden, sondern sie werden für jeden offen gelegt, der es wissen will – insbesondere auch für Reallife-Bekannten.

Jedoch merke: Ein Medium, das einem immer größeren Personenkreis die Möglichkeit gibt, Inhalte zu veröffentlichen, führt erfahrungsgemäß nicht dazu, dass sich tatsächlich auch jemand für diese Inhalte interessiert. Ihr könnt Euch gewiss sein: Ich halte die Trivialitäten oder Ärgernisse meines Alltags, die ich in Blogs oder Vlogs zum Besten gebe, weder für pulitzer- noch für webby-award-verdächtig.

Trotzdem werden alle meine neuen Web 2.0-Beiträge ab sofort an der inoffiziellen Messlatte gemessen, die eigentlich jeder beachten sollte, der etwas von sich ins Netz zu stellen gedenkt: “Veröffentliche nichts, von dem Du es nicht ertragen könntest, es unverhofft überlebensgroß auf einer Plakatwand an auf einem belebtem Ort zu sehen.”

Web 2.0 Double Life – or: Wash me, but don’t make me wet

Samstag, 15. Mai 2010

I proclaim: Each and everyone of us has one or another corpse in the basement. In my case: For a while, I have been considerably active in a Web 2.0 community, more precisely: on YouTube, but almost nobody from my real-life environment knew about it. Often enough, this is the desire of a lot of Web 2.0 contributors – but why is that?

(Möchten Sie diesen Artikel lieber auf Deutsch lesen? Klicken Sie hier …)

Let’s start at the very front: Why would somebody want to become active in Web 2.0 in the first place? Well, at some point one perhaps creates a YouTube account to be able to leave a comment under a video he just watched. This clearly indicates that YouTube has finally left its state of being just the “Funniest Home Video” amusement provider – one might rather have seen a video with “real content”, so he would want to leave a personal response to its author.

A little later the webcam integrated into the laptop lid becomes rather tempting – suddenly the mere possibility seems to spread a little excitement: What if a comment could be placed not only in text form, but as well as a video response? Since so many others are able to put their daily annoyances and trivialities into words in front of a running camera, it shouldn’t be too hard to do it likewise.

The whole thing is more like a test of courage in front of nobody else but oneself. After mastering the technical difficulties, all of a sudden it just happens: One posts his first clip – a video log, or short: “vlog”. Awesome: 35 views – probably 10 of them resulting from one’s own unbelieving “Hey, I’m on the internet!” test calls.

End of story – or not? Quite the contrary.

And that’s why: Who might have been those other 25 viewers who watched the video and partly even commented? So one interestedly follows the text comments to their authors, and afterwards to their videos as well. Thus starts the Web 2.0 immanent and inevitable community build-up: People start to discuss, they post video responses in turn – and in a blink of the eye one finds himself in the middle of a completely new circle of virtual friends, communicating publicly over the internet through short video clips.

So, now that’s end of story – or isn’t it? No, not at all.

At some point it becomes unavoidable to entrust the domestic partner with all this. Because it might be sort of traumatic to both of them if she would catch him unprepared in the act of videomaking. Admittedly, this test of courage is an even bigger step to take: What might the significant other respond when one tells her that he has made a bunch of new virtual friends on YouTube – and that on top of that he is posting his own face in living pictures over there as well? Luckily, soon enough puzzled astonishment turns into extensive whateverism, with a tolerable dash of concern about the sphere of privacy.

During this phase, the Web 2.0 member is already living a double life. The confession towards the spouse was already a difficult coming out. But the whole rest of the friends and family does not yet know just anything about it – not to mention the employer and the dear co-workers. Certainly, one is not doing anything illegitimate at all, but nonetheless … What would all those people think if they knew that one’s new hobby is about publishing nonchalant speeches allegedly anonymously on the internet?

“Anonymous” is the crucial clue here. One believes himself in anonymity. But compared to an unpretentious text blog like this one, that kind of televisual performance including gesticulation, facial expression, slips of tongue, dramatic pauses, and whatnot creates a totally different kind of media presence. Even hard-boiled “Look at me!” representatives might feel a little bit uneasy about the notion of being “spotted” unexepectedly – in other words: to be greeted by a real-life acquaintance with the words: “Hey, I saw your video on YouTube.”

As a result of this, one enmeshes himself deeper and deeper inside his self-chosen schizophrenia. On one hand the real-life friends and family, on the other hand the ever-growing Web 2.0 environment. The virtual existence revolves about increasing numbers of subscribers, views, and friends – one is thirsting for more and more Web 2.0 publicity. But at the same time he is trying to protect his anonymity towards real-life. In other words: One acts along the lines of “Wash me, but don’t make me wet”. Consequently, the risk increases on a daily basis that both realities might converge in the worst of all moments – with completely unpredictable consequences.

Obviously, this is a deadlock. One could either remain paralyzed and gaze at the approaching snake like a rabbit – in other words: wait until the catastrophe eventually happens. Or, one could prevent such an involuntary outing from happening by a self-implemented, profound and public coming-out. But does one really want whosoever to burrow deep inside all those old publications, bringing to light one of those perhaps less than impeccable video messages completely out of context – that was jovially posted a year and a day ago from within the false illusion of anonymity?

I chose to take a different approach: A reboot, if you will. I reduced my Web 2.0 activities more or less to zero at one single dash. After a little distance of time I carried my old, anonymous virtual existence to its grave: All former contributions from YouTube and other portals were removed to the best of my abilities, those old accounts were deleted. Afterwards, I waited for the dust to settle: I gave Web 2.0 a fairly long time to forget about me, ie. about my former Alter Ego.

Now starts my new virtual life – one that does not try to hide anonymously from real life anymore. For example on Facebook, I have connected with real-life friends, colleagues, and some of my former Web 2.0 buddies – up to now, the greatly feared matter/anti-matter explosion failed to occur. My Web 2.0 activities on YouTube et cetera will from now on take place no more pseudo-anonymously, but they will be revealed to anybody who wants to know about them – especially as well to real-life acquaintances.

But note: As experience teaches – a medium that provides a facility to an ever-growing circle of people to publish content, this kind of mass publication does not necessarily lead to a corresponding group of other people who are actually interested in that content. Rest assured, I do not believe that the annoyances and trivialities of my life that I share as blogs or vlogs are actually pulitzer or webby award material.

Nevertheless: All of my new Web 2.0 contributions will from now on be measured against the inofficial yardstick – the one that everybody should actually keep in mind who plans to post a piece of himself on the internet: “Don’t publish anything that you could not stand seeing unexpectely larger-than-life on a billboard at a busy place.”

Kleine Datenkraken: Social Bookmarking Buttons

Mittwoch, 17. März 2010

Schnell mal Problembewusstsein schaffen: Wer auf Google Analytics verzichtet, aber weiterhin Social Bookmarking Buttons a’la „AddThis“ oder „AddToAny“ in seine Homepage einbaut, hat bzgl. BDSG-Konformität leider noch nicht viel gewonnen.


Was war nochmal das Problem mit Google Analytics? Dass IP-Adressen (als personalisierte Daten) gesammelt und darüber hinaus auch noch an Dritte außerhalb europäischer Jurisdiktion herausgegeben werden. Das lässt sich nur verhindern, indem man als Website-Betreiber Google Analytics von der Website verbannt und fortan Web Analytics gar nicht mehr oder zumindest lokal und nur mit anonymisierter IP-Adresse betreibt.

Was ist aber mit diesen allüberall im Web anzutreffenden, superpraktischen “Bookmark”-Buttons?

Ein kurzer Abriss für diejenigen, die überhaupt nicht wissen, wozu die Dinger gut sind: In der Steinzeit des Internets sammelte man seine Bookmarks auf dem eigenen Computer und freute sich über seine virtuelle Schatztruhe an spannenden Websites. Natürlich konnte man eine URL mit dem Hinweis “… musst Du Dir unbedingt ansehen!” per E-Mail an Freunde weiterschicken, aber das war uncool. Zu dieser Zeit kamen “Tell-A-Friend”-Buttons in Briefumschlag-Form auf Webseiten auf, mit der man die aktuell betrachtete URL unter Angabe seiner eigenen und einer Ziel-E-Mail-Adresse bequem weiterleiten konnte. Aber das war immer noch unbequem.

Im Web 2.0, in dem sich für jede noch so abstruse Community-Idee sofort tausende Leute zusammenrotten, die das cool finden, kam dann das so genannte „Social Bookmarking“ auf. Dienste wie digg, del.icio.us, Mr. Wong und viele andere mehr dienen einerseits dazu, seine eigenen Bookmarks statt auf dem eigenen Computer immer verfügbar online im Internet zu speichern. In Zusammenhang mit der unvermeidlichen Community-Bildung, in der jeder gefriendete Buddy postwendend über die neuesten Aktivitäten informiert wird, trommelt man durch Hinzufügen eines Online-Bookmarks lesenswerte Surftipps direkt an seinen interessierten Freundeskreis weiter.

Unnötig zu sagen: Twitter, Facebook & Co. machen das, zusätzlich zu den Spezialfeatures des jeweiligen Portals, beim Posten von Web-URLs haargenau so. Und so verwundert es nicht, dass laut aktuellen Studien Facebook mitunter mehr Besucher auf bestimmte Webseiten leitet als der Suchmaschinengigant Google.


Folglich kamen auf Seiten der Webmaster der Wunsch auf, es den Besuchern der eigenen Website so leicht wie möglich machen, die gerade betrachtete Website nicht nur per “Tell-A-Friend”-E-Mail weiterzuleiten, sondern mit so wenigen Mausklicks wie möglich im eigenen Twitter- oder Facebook-Profil zu veröffentlichen. Denn: Die aktuelle URL kopieren, ein neues Browserfenster öffnen, dort zu Twitter navigieren, die URL einkopieren, den Titel der Webseite dazu tippen – das ist viel zu umständlich. Mit Hilfe der APIs der Social Bookmarking-Dienste geht das viel einfacher: Man kann z.B. einen „Add to Twitter“- und/oder „Add to Facebook“-Button auf der Homepage platzieren – dieser erledigt o.a. Handlungsfolge wie von Geisterhand mit nur einem Mausklick. Also: Einen Button für Twitter. Und einen für Facebook. Und einen für Digg. Und einen für del.icio.us. Und … und … und …

Dummerweise weiß man als Website-Betreiber nicht unbedingt, welchen Bookmarking-Dienst die Besucher bevorzugen. Und mitunter ändern sich die APIs. Es ist also ein Hase- und Igel-Rennen, um einerseits so viele derzeit hippe Social Bookmarking-Buttons wie möglich auf der eigenen Website zu versammeln, und andererseits die zugehörigen API-Anbindungen aktuell und funktionstüchtig zu halten.

In diese Bresche springen Anbieter wie die eingangs erwähnten AddThis oder AddToAny – um nur zwei der bekannteren Dienste zu nennen, es gibt derer unzählige. Die Grundidee ist simpel: Statt sich selbst um die ganzen Buttons zu kümmern, bindet man nur einen etwas größeren „AddThis”- oder „Bookmark“-Button ein – und nach Klick darauf öffnet sich ein Auswahlfenster mit den derzeit meistgenutzten Bookmark-Diensten – und Dutzenden anderen, wenn man weiter nach unten scrollt. Das Ganze ist für den Webmaster in wenigen Minuten in die eigene Website eingebettet – und vor allem kostenlos.

Dabei weiß man doch: „Hüte dich vor den Danaern, wenn sie Geschenke bringen.“


Problem dabei: Der Button liegt nicht auf dem eigenen Server, der Besucher holt also unfreiwillig Daten von einem externen Server ab. Das ist erst einmal noch kein Verbrechen – es kommt vor, dass man mal in eine Newsmeldung ein externes Bild einbettet (Obacht: Urheberrechte beachten!).

Jedoch: Sinn der Übung mit dem „Bookmark“-Button ist ja, dass er allgegenwärtig auf jeder einzelnen Seite eingebettet wird – klar, der Besucher soll ihn ja auf jeder Seite sofort anklicken können. Und hier bewegen wir uns aus extrem dünnes Eis: Ähnlich wie ein Web Analytics-Scriptlet, das auf jede einzelne Seite eingebettet wird, gelangt das fremde „Bookmark“-Scriptlet auf jede einzelne eigene Seite. Beim bloßen Laden der „Bookmark“-Grafik liefert der Besucher der eigenen Website also wiederum seine Verkehrsdaten, primär seine IP-Adresse, sekundär allerhand andere Konfigurationsdaten, bei einem wildfremden Dienst ab.

Sicher – wer liest schon Kleingedrucktes. Aber  wer es doch tut, der findet etwa in der Privacy Policy von AddThis folgenden Passus:

In addition, we collect certain information which cannot be used to personally identify any user, and which may be provided to third parties. Such non-personal data ordinarily includes non-identifiable aggregate, summary, usage data, and other behavioral data and may include, by way of example, statistics regarding total users, information regarding types of Internet browsers used by users, and behavioral usage patterns.

Aha  – AddThis betreibt im Hintergrund also Web Analytics – und gibt diese auch an Dritte weiter. Pssst … Bei AddThis kann man sich diese sogar ansehen, wenn man sich die Mühe macht, sich nicht nur ein „Bookmark“-Scriptlet für die eigene Homepage generieren zu lassen, sondern sich zu diesem Zweck einen personalisierten AddThis-Account anlegt.

Weiter im Text – direkt im nächsten Satz steht:

We also collect non-personal data about each user’s IP address to help diagnose problems with our servers, and to administer our website and Services.

Blöd nur, dass IP-Adressen ja laut aktueller Rechtssprechung bereits persönliche Daten sind. – Wohlgemerkt: Wir reden hier noch nicht einmal von den Besuchern, die den „Bookmark“-Button tatsächlich anklicken. Wer auf diese Weise Informationen über sein Surf-Verhalten in Form öffentlicher Bookmarks auf einer Web 2.0-Community preis gibt, der hat bzgl. Datenschutz und Wahrung der eigenen Privatsphäre offensichtlich eine höhere Toleranzschwelle. Betroffen sind in diesem Fall vor allem diejenigen, die mit dem ganzen Social Bookmarking eigentlich überhaupt nichts zu tun haben, aber trotzdem ungefragt und unbewusst Informationen zu ihrem Surf-Verhalten an externe Dienste abgeben.

… AddThis ist hier nur exemplarisch genannt, das Problem besteht nach genauer Ansicht der jeweiligen AGBs ebenfalls bei anderen Social Bookmark-Button-Providern.


Lange Rede, kurzer Sinn: Wer einen Social Bookmark-Button auf seiner Homepage einbaut, der zwingt seine Besucher unbewusst dazu, seine IP zusammen mit den üblichen Web Analytics Daten an den dortigen Provider abzuliefern. Wenn dieser in seinen AGBs zugibt, dass IPs gespeichert werden, am besten noch im außereuropäischen Ausland, dann ist das vor dem Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) nichts anderes als die Verwendung von Google Analytics.

… Außer, dass Google viel größer ist und viel mehr Daten aggregieren kann. Insofern sind die Social Bookmark-Button-Provider aus meiner Sicht zwar vergleichsweise kleine, aber unzweifelhaft ebenfalls vielarmige Datenkraken.


UPDATE:

Dank Frank Koehl und seinem Artikel “Free and open source alternative to ShareThis, AddThis, AddToAny” bin ich auf iBegin Share a/k/a Enthropia Share gekommen. Ähnlich wie beim Wechseln von Google Analytics zu Piwik ist iBegin Share ein OpenSource-Tool, das lokal auf dem eigenen Webserver installiert ist – also nicht irgendwohin „nach Hause telefoniert“.

Es kann Statistiken sammeln, man kann das aber per Mausklick deaktivieren (click!). Und: Ein WordPress-Plugin liegt freundlicherweise auch direkt vor – herrlich, das war einfach! Daher sind hier bei GZB die Share-Buttons nun blau statt orange.